Im Rahmen des Erasmus+-Programms konnte ich, Chantal Gutknecht, im Januar ein einwöchiges Job-Shadowing an der FEDA Madrid absolvieren – einer deutschen Berufsschule mit internationalem Profil, die sich durch ihre duale Ausbildung in einem europäischen Kontext auszeichnet. Lediglich 5 % aller Ausbildungen in Spanien sind aktuell dual. Ziel meines Aufenthalts war es, schulische Abläufe und didaktische Konzepte im Ausland kennenzulernen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und Inspiration für die eigene Unterrichtspraxis mitzunehmen.
Die FEDA Madrid ist eine kleine, sehr persönliche Bildungseinrichtung mit aktuell rund 27 Auszubildenden (Standort Madrid), die in einem Blocksystem unterrichtet werden. Theorie- und Praxisphasen wechseln sich systematisch ab – ein Konzept, das an das duale System in Deutschland angelehnt ist. Auffällig ist die starke Orientierung an Werten und Zielen: Bereits zu Beginn meines Aufenthalts stellte mir der Schulleiter Malte Schmuck die Schule, ihre Strukturen sowie ihre „Mission“, ihre „Vision“, ihren „Purpose“ und die zugrundeliegenden „Values“ vor. Dabei wurde deutlich, dass neben fachlicher Bildung auch Eigenverantwortung, interkulturelle Kompetenzen und eine enge Verbindung zur beruflichen Realität im Zentrum des pädagogischen Handelns stehen.
Im Austausch mit Lehrkräften und Lernenden konnte ich schnell erkennen, dass hier ein respektvoller, partnerschaftlicher Umgang auf Augenhöhe gelebt wird. Die Atmosphäre ist offen und lernförderlich, gleichzeitig professionell und strukturiert. Der Unterricht erfolgt praxisnah, handlungsorientiert und oft mehrsprachig – Deutsch, Spanisch und Englisch werden je nach Kontext integriert. Das Kollegium setzt gezielt auf Methodenvielfalt, digitale Tools und projektorientiertes Arbeiten.
Ein wichtiger Bestandteil meines Aufenthalts war der didaktische Austausch: Ich konnte über die Arbeit im Studienseminar Gießen berichten und Einblicke in die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Unterrichtsgestaltung zum Thema wirkungsvolle Lernaufgaben geben.
Neben der Hospitation im Unterricht, dem eigenständigen Unterricht und den Fachgesprächen war auch die Öffentlichkeitsarbeit Teil meines Programms. In Zusammenarbeit mit der Marketingabteilung der FEDA drehte ich ein Video für die Social-Media-Kanäle der Schule. Darin zeigten Auszubildende, was für sie das Lernen an der FEDA und das Leben in Madrid besonders macht. Das Projekt war nicht nur kommunikativ bereichernd, sondern unterstrich auch den Anspruch der Schule, moderne Bildungsarbeit sichtbar zu machen und junge Menschen für berufliche Bildung zu begeistern.
Auch die Projekte, die an der FEDA Madrid initiiert und gelebt werden, haben mich nachhaltig beeindruckt – besonders im Hinblick auf das Erasmus+-Thema „über den Tellerrand hinausblicken“ und den Aufbau interkultureller Lernräume.
Ein herausragendes Beispiel ist das Corporate Social Responsibility-Projekt „FEDA for Kenya“, das nicht nur soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit praktisch erfahrbar macht, sondern auch den Gedanken internationaler Bildung und Solidarität konkret umsetzt. Dieses Engagement geht weit über schulische Pflichterfüllung hinaus: Es schafft persönliche Begegnungen, erweitert Horizonte und fördert zentrale Zukunftskompetenzen – sogenannte Future Skills, wie Empathie, globale Verantwortung und interkulturelle Handlungskompetenz.
Das Projekt entstand aus einer Begegnung im Rahmen des Wettbewerbs für Deutsche Auslandsschulen der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Nach dem Gewinn des ersten Preises im Jahr 2018 entschied sich die FEDA Madrid, 20.000 Euro des Preisgeldes zur Unterstützung der Starkid School in Nairobi zu spenden. Daraus entwickelte sich eine langfristige Kooperation, die heute fest im Schulprofil verankert ist.
Ziel des Projekts ist die Bereitstellung von Bildungs- und Lernmitteln für die rund 160 Kinder der Starkid School sowie die Förderung des interkulturellen Austauschs zwischen den Auszubildenden der FEDA Madrid, der Deutschen Schule Nairobi und der Starkid School. In jährlich stattfindenden zweiwöchigen Austauschreisen engagieren sich die Auszubildenden der FEDA aktiv vor Ort, arbeiten im Schulalltag mit und erweitern dabei ihren persönlichen und kulturellen Horizont.
Das Job-Shadowing an der FEDA Madrid hat mir wertvolle Einblicke in ein alternatives, aber gleichzeitig sehr vertrautes Bildungssystem ermöglicht. Besonders beeindruckt haben mich die internationale Ausrichtung, das stets angenehme Schulklima und vor allem die gelebte Werteorientierung. Ich nehme viele Ideen und Impulse für meine zukünftige Lehrtätigkeit mit – und bin dankbar für die Offenheit, das Vertrauen und den inspirierenden Austausch mit der Schulgemeinschaft vor Ort.
Ein konkreter Ausblick ergibt sich bereits aus dem Aufenthalt:
Ein Austausch mit den Lernenden der Höheren Berufsfachschule der Kaufmännischen Schulen Marburg ist angedacht. Da diese in ihrem Bildungsgang Spanisch als Fremdsprache wählen können und im Rahmen ihrer Schulzeit die Möglichkeit zu einem vierwöchigen Auslandsaufenthalt in Spanien haben, wäre die FEDA Madrid besonders interessant als anschließende Ausbildungsstätte. Eine zukünftige Kooperation erscheint in diesem Zusammenhang äußerst vielversprechend und könnte auf beiden Seiten neue Perspektiven in der europäischen Bildungszusammenarbeit eröffnen. Auch ist ein erneuter Besuch durch mich für einen gemeinsamen mehrtägigen Workshop angedacht.


