Erasmus+ Projekte – Leitaktion 1
Erasmus + – Leitaktion 1 – Projekte 2022 – 2027
Durch die Akkreditierung des Europaseminars Gießen können Ausbildungskräfte und Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst Schulhospitationen / Schulpraktika und Job-Shadowing im europäischen Ausland durchführen.
Die Themen wie Demokratiebildung, Bildung für eine nachhaltige Entwicklung, Lernen und Arbeiten in Europa, neue pädagogische Konzepte, Salutogenese, Inklusion und Digitalisierung stehen dabei im Vordergrund und sollen bei den Schulerkundungen bearbeitet werden.
Eine solche Auslandsmobilität im europäischen Ausland soll den Horizont für den eigenen Unterricht und die Schulentwicklung, aber auch über die jeweilige Kultur im Ausland, erweitern.
Ziel ist es, das Erkundete an der Schule und im besuchten Unterricht im europäischen Ausland zu reflektieren und Positives in die eigene Arbeit als Lehrkraft und in die eigene berufliche Schule zu überführen.
Im Folgenden werden die Berichte zu den Mobilitäten veröffentlicht.

Grenzenlos lernen: Jobshadowing-Mobilität des Europaseminars in Haguenau / Frankreich
Erasmus+ Mobilität führt Ausbildungskräfte des Europaseminars für berufliche Schulen Gießen ins Elsass
Im Rahmen des Erasmus+ Programms haben 13 Ausbildungskräfte des Europaseminars für berufliche Schulen Gießen eine Jobshadowing-Mobilität am lycée des métiers André Siegfried in Haguenau absolviert. Die Mobilität bot nicht nur tiefe Einblicke in das französische Berufsbildungssystem, sondern auch wertvolle Impulse für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Europa.
Ein Blick hinter die Kulissen der Partnerschule
Betreut von der Lehrkraft Anne Abogast, stand ein dichtes Programm auf dem Plan: Gespräche mit der Schulleitung, Kolleginnen und Kollegen sowie Lernenden gaben einen authentischen Eindruck vom Schulalltag. Hospitationen im Unterricht sowie eine Führung durch Fachräume und Werkstätten rundeten das Bild ab und ermöglichten einen direkten Vergleich der Ausbildungsstrukturen.
Dabei wurde schnell deutlich: Das Abitur genießt an französischen Schulen einen sehr hohen Stellenwert. Gleichzeitig existiert im Elsass – ähnlich wie in Deutschland – eine duale Ausbildung in zahlreichen Gewerken, die in dieser Form in Frankreich sonst eher unüblich ist. Diese Besonderheit macht die Region zu einem spannenden Beobachtungsfeld für den deutsch-französischen Vergleich beruflicher Bildungswege.
Zusammenarbeit über die Grenze hinweg
Ein besonderes Augenmerk der Mobilität lag auf der bestehenden Kooperation des Lycée mit der Berufsschule Landau. Im Rahmen eines gegenseitigen Lehreraustauschs verfolgen beide Schulen ein gemeinsames Ziel: Auszubildende sollen gezielt auf eine Ausbildung im deutsch-französischen Grenzgebiet vorbereitet werden – und umgekehrt. So entsteht ein praktischer Beitrag zum Leben und Arbeiten in einem zusammenwachsenden Europa.
Zwei weitere Besuche bei Kooperationspartnern der Schule vertieften diesen Eindruck:
- Gymnasium Robert Schuman, Haguenau: Im Gespräch und bei einer Führung durch die Schule wurden die Bildungssysteme Frankreichs und Deutschlands miteinander verglichen – aufschlussreiche Parallelen und Unterschiede inklusive.
- Schokoladenmanufaktur Bockel: Hier absolvieren junge Menschen ihre Ausbildung zum Konditor. Eine Führung sowie Gespräche mit den Ausbildungsverantwortlichen gewährten Einblicke in die praktische Ausbildung im Elsass.
Geschichte als Fundament für Demokratiebildung
Die fachliche Hospitation wurde durch eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte des Elsass im Ersten und Zweiten Weltkrieg ergänzt. Besuche im Museum Schirmeck sowie in den Bunkeranlagen der Maginot-Linie eröffneten neue Perspektiven auf diese bewegte Region und ihre wechselvolle Vergangenheit.
Für die pädagogische Arbeit ergab sich daraus eine zentrale Fragestellung: Wie lassen sich solche außerschulischen Lernorte gewinnbringend mit Lernenden besuchen? Wie müssen derartige Exkursionen vor- und nachbereitet werden, damit sie ihr volles Potenzial entfalten? Und vor allem: Wie kann ein Besuch dieser Erinnerungsorte gezielt zur Demokratiebildung von Lerndenden beitragen? Fragen, die nun in die konzeptionelle Arbeit des Europaseminars einfließen.
Fazit: Europa im Kleinen erleben
Die Mobilität hat eindrucksvoll gezeigt, dass Lernen durch Austausch und Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen im Ausland unmittelbar erfahrbar wird. Der europäische Gedanke von Demokratie und Friedenssicherung lässt sich am wirkungsvollsten weiterentwickeln, wenn man sich gegenseitig besucht, die Kultur des anderen erkundet und im offenen Dialog bleibt. Nicht zuletzt wurde deutlich: Wer mehrere Sprachen spricht, dem eröffnen sich Leben und Arbeiten in Europa spürbar leichter.
Insgesamt war es eine ebenso bereichernde wie inspirierende Erasmus+ Mobilität, deren zahlreiche Erkenntnisse und Erfahrungen nun direkt in die Arbeit des Europaseminars für berufliche Schulen Gießen einfließen werden.

Jobshadowing in Finnland mit Erasmus +
Während meines Erasmus+-Aufenthalts in Jyväskylä/Finnland absolvierte ich, Julia Tripp, ein einwöchiges Jobshadowing an der Bildungseinrichtung GRADIA. Dabei erhielt ich umfassende Einblicke in die finnische Berufsbildung im Sozial- und Gesundheitswesen an den Kukkula- und Viitaniemi-Campi. Im Mittelpunkt standen Fragen nach individueller Förderung, kompetenzorientiertem Lernen und dem Einsatz digitaler Bildungsformate.
Besonders intensiv lernte ich die Ausbildung der sogenannten „practical nurses“ (lähihoitaja) kennen. Diese praxisorientierte Pflegeausbildung spielt in Finnland eine zentrale Rolle im Gesundheits- und Sozialwesen. Charakteristisch ist die starke Verzahnung von Theorie und Praxis sowie ein hohes Maß an individueller Lernbegleitung. Für jede Lernende und jeden Lernenden wird ein individueller Lernplan erstellt, der regelmäßig in Entwicklungsgesprächen angepasst wird. Theorieanteile können flexibel, teilweise im Homeoffice, erarbeitet werden, während praktische Übungen – etwa pflegerische Handlungen oder Injektionen – in der Schule unter enger Anleitung stattfinden. Durch den Einsatz mehrerer Lehrkräfte pro Lerngruppe ist eine intensive individuelle Unterstützung möglich.
Ergänzt wird dieses System durch zusätzliche Förderangebote, etwa in „Immigrant Classes“, in denen sprachliche Unterstützung gezielt integriert wird. Insgesamt wird Chancengleichheit im finnischen Bildungssystem großgeschrieben, wobei Lehrkräfte ein hohes gesellschaftliches Vertrauen genießen und die Bedürfnisse der Lernenden konsequent im Mittelpunkt stehen.
Ein weiterer Schwerpunkt meines Aufenthalts war das Thema Digitalisierung. Im Rahmen des Projekts „Virtuoosi“ entwickelt GRADIA digitale Lernmodule und virtuelle Simulationen für den Gesundheitsbereich. Der Einsatz von VR-Brillen ermöglicht beispielsweise das Training von Alltagssituationen oder das Lernen anatomischer Inhalte. Auch digitale Assistenzsysteme, wie Medikamentenausgabe-Roboter, sind bereits Teil der Ausbildungspraxis. Unterstützt werden die Lehrkräfte dabei durch sogenannte „Digitutors“, die bei der Integration digitaler Technologien beraten.
Darüber hinaus wurde das Thema Wellbeing im Schulalltag deutlich sichtbar: kostenlose Mahlzeiten, Bewegungsangebote, gemeinsame Aktivitäten sowie eine wertschätzende Lernatmosphäre tragen zu einem gesundheitsförderlichen Umfeld bei.
Auch Nachhaltigkeit ist fest im Bildungsalltag verankert und zeigt sich sowohl in Unterrichtsinhalten als auch im gelebten Alltag, etwa durch naturbezogene Aktivitäten und ein bewusstes Verständnis von Gesundheit und Umwelt.
Insgesamt war der Aufenthalt eine große persönliche und berufliche Bereicherung. Besonders prägend war die Erfahrung einer Bildungsphilosophie, die konsequent auf Vertrauen, Individualisierung und Chancengleichheit ausgerichtet ist. Ich nehme daraus vor allem eine gestärkte Haltung sowie wertvolle Impulse für meine persönliche Berufspraxis mit. Konkret habe ich mir vorgenommen, mehr Bewegungsangebote oder eine bewusstere Gestaltung von Lern- und Erholungsphasen in den schulischen Alltag einzubinden. Außerdem habe ich erlebt, dass digitale Technologien dann besonders erfolgreich eingesetzt werden können, wenn sie pädagogisch sinnvoll eingebettet sind und der persönliche Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden weiterhin im Mittelpunkt steht.




























